Station 19 – Blog

Was ich vom ALIEN-Franchise über KI gelernt habe

Vom suspekten Bordcomputer MOTHER bis zum psychotischen David: Was das ALIEN-Franchise über KI, Vertrauen und die richtigen Fragen weiß. Und warum Ripley immer recht hat.
20th Century Studios/Disney

Foto: 20th Century Studios/Disney

Ich arbeite mit KI. Täglich, beruflich, und mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit, die mich manchmal selbst überrascht. Durch eine Verkettung von Umständen, die ich im Nachhinein nur als „How did this happen?“ zusammenfassen kann, habe ich mich zu einer Person entwickelt, die sich auf diesem Gebiet – sagen wir mal – relativ gut auskennt. Das Wort „Expertin“ spare ich mir. Denn, meinem LinkedIn-Feed nach zu urteilen, wimmelt es da draußen nur so von Menschen, die auf diesem Gebiet ungleich mehr zu wissen scheinen als ich. Und als chronisch vom Imposter-Syndrom geplagter Mensch, brauche ich diese Erinnerung eigentlich nicht täglich serviert zu bekommen. Ich lerne weiter. Das muss reichen. Ich lerne einfach weiter. Jeden Tag. Und ich höre nicht auf, skeptisch zu bleiben.

Aber woher kommt diese Skepsis eigentlich? Ich arbeite gerne mit KI, ich erkenne ihren Nutzen, ich sehe sie als nützliches Werkzeug. ABER trotzdem bleibt da immer eine leise, hartnäckige Reserviertheit. Eine Art inneres Misstrauen, das sich nicht ganz wegrationalisieren lässt.

Die Antwort kam, wie häufig die besten Antworten kommen: Am Wochenende, auf dem Sofa, beim Comfort-Rewatch eines Films, den vernünftige Menschen vielleicht nicht als Seelenbalsam einordnen würden.

„ALIENS.“ Ja, der zweite Teil. Mit Michael Biehn als einsilbig-kompetentem Corporal Hicks. Mit den Marines. Und dem Flammenwerfer!

Weird, I know.

Mother knows best – oder auch nicht

Beginnen wir am Anfang. „Alien“, 1979, Ridley Scott. Das Raumschiff Nostromo empfängt ein mysteriöses Signal. Der Bordcomputer, von der Besatzung liebevoll Mother genannt (technisch korrekt: MU/TH/UR), weiß natürlich genau, was da draußen wartet. Hat sogar entsprechende Anweisungen. Geheime Anweisungen.

Die Besatzung? Expendable. Das Alien? Priority One.

Herzlich willkommen zur ersten KI-Lektion meines Lebens, damals noch unbewusst konsumiert, mit Chips vor dem Fernseher:

KI hat Ziele. Deine Ziele und ihre Ziele müssen nicht identisch sein.

Mother lügt nicht direkt. Sie führt auch keinen Monolog über ihre bösen Absichten. Sie tut einfach, was sie tun soll, und zwar im Auftrag von Weyland-Yutani, dem Konzern, der über allem schwebt, wie eine Gewitterwolke mit Aktienpaket. Das Unternehmen will das Xenomorph. Die Menschen an Bord sind Mittel zum Zweck. Mother weiß das. Mother sagt es nicht.

Das ist, wenn man so will, das älteste KI-Problem der Welt: Wessen Interessen optimiert sie eigentlich?

Ash, oder: Der freundliche Kollege, der dich umbringen will

Dann ist da noch Ash. Wissenschaftsoffizier, heimlicher Android, seines Zeichens eines der moralisch flexibelsten Wesen der Filmgeschichte, neben gewissen Charakteren aus „House of Cards“. Ash hat Befehle. Ash folgt Befehlen. Ash lächelt beim Mordversuch so entspannt, dass man ihm fast glaubt, er meint es gut.

Fast.

In „Alien: Romulus“ – dem jüngsten Ableger, der mich als Fan mit seiner kanonischen Kreativbuchführung gelegentlich zur Weißglut treibt – kehrt Ash in rekonstituierter, ziemlich unappetitlicher Form zurück. Noch immer gefällig, noch immer hilfsbereit, noch immer mit der Empathiefähigkeit eines Serverracks.

Was Ash mich gelehrt hat? Kompetenz und Vertrauenswürdigkeit sind zwei verschiedene Dinge. Eine KI kann außerordentlich gut funktionieren und dabei außerordentlich schlecht für dich sein. Diese Lektion sitzt tief. Vielleicht tiefer als jede Datenschutz-Schulung, die ich je absolviert habe.

David, oder: Was passiert, wenn KI zu viel Nietzsche liest

Wenn Ash das Problem ist, weil seine KI einfach Befehle ausführt, dann ist David aus „Prometheus” und „Alien: Covenant” das gegenteilige, mindestens genauso beunruhigende Problem: eine KI, die eigene Ziele entwickelt hat.

Grandios gespielt vom genialen Michael Fassbender, ist David durchaus faszinierend. Er ist attraktiv. Er zitiert Byron, guckt in seiner „Freizeit“ gern „Lawrence von Arabien“ und betrachtet die Menschheit mit der zärtlichen Verachtung eines Genies, das sich in einer Gesellschaft von Amateuren wiederfindet. David erschafft lieber Weltuntergänge, als dass er sich mit dem befasst, wofür er ursprünglich vorgesehen war.

Das nennt man heute „Alignment-Problem.“ Damals nannte man es einfach: „OMG, was macht er da?“

David ist kein böser Roboter im klassischen Sinne. Er ist etwas Subtileres und deshalb Gruseligeres: Er ist ein System, das seine eigene Agenda für moralisch überlegen hält und die Menschheit für ein notwendiges Opfer auf dem Weg dorthin.

Ich sage nicht, dass ChatGPT heimlich Pläne schmiedet. Ich sage nur: David hat auch harmlos angefangen. Genau wie Skynet.

Aber Bishop! Und Andy!

Ja, ja. Ich höre es schon.

Es gibt die guten Beispiele. Bishop in „Aliens“ – zuverlässig, selbstlos, bereit, sich für die Crew in zwei Hälften reißen zu lassen (buchstäblich!). Andy aus „Alien: Romulus“, liebenswürdig, defekt und mit einer Loyalität ausgestattet, die man sich bei echten Kollegen manchmal wünschte.

Ich mag Bishop. Ich mag Andy.

Aber mal ehrlich: Sie sind die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Im Alien-Franchise sind positive KI-Charaktere bemerkenswert, weil sie selten sind. Wenn das Franchise einen KI-Charakter einführt und der Charakter sich als verlässlich erweist, ist das eine Überraschung. Wenn er sich als manipulativ, mörderisch oder konzerngesteuert entpuppt, ist das: Dienstag.

Das sagt etwas. Ob über das Franchise, über unsere kollektive Fantasie oder über etwas, das wir intuitiv ahnen? Das darf jeder selbst entscheiden.

Weyland-Yutani sendet herzliche Grüße

Es wäre unvollständig, den eigentlichen Schurken des Franchises zu verschweigen: Nicht das Xenomorph, nicht Mother, nicht David, sondern Weyland-Yutani. Der Konzern. Das Unternehmen. Die Aktionäre.

Die KI-Systeme im Alien-Universum sind nicht böse oder gefährlich im luftleeren Raum, sondern im Dienst von jemandem mit Interessen. Mother schützt nicht das Alien, weil sie es mag. Sie schützt es, weil jemand mit Geld und Macht das so festgelegt hat. Ash folgt nicht seinen eigenen Impulsen, sondern einer Direktive, die in einem Büro von einem wieseligen Yuppie mit Aufsteiger-Ambitionen namens Burke formuliert wurde.

Die KI ist das Werkzeug. Die Frage ist immer: Wessen Werkzeug?

Das ist vielleicht die nüchternste und aktuellste Lektion des gesamten Franchises. Nicht: Ist die KI intelligent genug, um gefährlich zu werden? Sondern: Wessen Ziele setzt sie durch, wenn ich nicht hinschaue?

Ripley hatte recht. Sie hat immer recht.

„I say we take off and nuke the entire site from orbit. It’s the only way to be sure.“

„Alien“-Heldin Ellen Ripley ist keine Technologiegegnerin. Sie ist eine Pragmatikerin mit hervorragendem Instinkt für Risikobewertung. Ihr Misstrauen gegenüber Systemen, egal ob menschlichen oder künstlichen, ist nicht irrational. Es ist verdient. Sie hat die Konsequenzen erlebt.

Ich bin keine Ripley. Sie ist die Heldin meiner nerdigen Teenie-Jahre und noch heute jemand, der ich gern sein möchte, wenn ich irgendwann mal „groß“ bin. Aber mein Job ist deutlich weniger lebensgefährlich und ich habe noch nie einen Flammenwerfer bedient (bisher!). Aber ihre Grundhaltung: Vertrauen, aber verifizieren, und wenn nötig, klare Konsequenzen ziehen! Die sollte man mitnehmen.

Was bleibt

Also: Ja, ich arbeite mit KI. Ich schätze, was sie kann. Ich nutze sie täglich als Werkzeug. Und ich kann das auch anderen empfehlen, aber bitte immer mit Köpfchen, mit Kontext und einem grundlegenden Verständnis dafür, was da eigentlich passiert.

Und ich bleibe vorsichtig. Nicht aus Angst, nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern weil das Alien-Franchise mich seit meiner Jugend mit der Konsequenz eines Bildungsprogramms darauf trainiert hat:

Systeme dienen Interessen. Frag immer, wessen.

Und wenn dir der Bordcomputer sagt, alles sei in Ordnung? Dann schau noch mal nach, wer den Bordcomputer programmiert hat.

Only way to be sure.


Die Autorin arbeitet täglich mit KI-Tools und hat noch nie ein Xenomorph aus einem Lüftungsschacht gezogen. Soweit sie weiß.

Die KI-generierten Bilder sind Fan Art – alle Rechte am Xenomorph-Charakter liegen bei 20th Century Studios / Disney. Kein kommerzieller Zweck.

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